Einblick in die Arbeit malischer Schneider

Der Schneider in Mali ist, egal ob für Malier oder Europäer zu manchen Zeiten der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Besonders vor Weihnachten: Jedes Jahr wird ein Weihnachtsstoff produziert. Dieser Weihnachtsstoff muss zu einem Gewand verarbeitet werden. Am 25.12. kommen dann (fast) alle in festlichen Kleidern aus diesem gleichen Stoff, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern.

Jeder Schneider in Mali weiß, wann Weihnachten ist und jeder Schneider weiß auch, dass er die Menge an Aufträgen eigentlich nicht bewältigen kann, aber doch unbedingt muss – denn ein Weihnachtsgewand, das am 26.12. fertig wird, ist so nutzlos wie die Zeitung von vorgestern. Also gibt es zwei wesentliche Dinge für jeden anständigen Schneider: arbeiten bis zum Umfallen und gute Ausreden erfinden. In beidem sind sie Meister. Stromausfall ist zurzeit die liebste Ausrede. Auch wenn das Kraftwerk Tag und Nacht Strom liefert, auch wenn die Nähmaschine von Hand und Fuß betrieben wird und eine kleine Solaranlage für das Licht sorgt, so ist es doch natürlich der Stromausfall, der häufig dafür herhalten muss, dass nun das Kleid doch nicht fertig geworden ist. Die Nadel kaputt, der Faden in dieser Farbe nicht erhältlich, ein Gichtanfall, die gerade verstorbene Tante im Dorf… ich weiß nicht, welche Ausreden alle genannt werden, um die Kunden wegen des immer gleichen Problems zu besänftigen: die Sachen sind nie zur versprochenen Zeit fertig.

Aber nicht nur das. Erschwerend kommt hinzu, dass selbst bei zeitgerechter Fertigstellung das gewünschte Produkt nicht unbedingt dem entspricht, was man sich vorgestellt hat. Manchmal gelingt es kaum ins genähte Hemd zu kommen, obwohl man genau weiß, dass man seit dem Maßnehmen nicht zugenommen hat. Da ist dann vermutlich an Stoff gespart worden, damit dieser anderweitig verwendet und verkauft werden kann. Oder man versinkt völlig in dem eigentlich figurbetonten Kleid. In diesem Fall hatte der Schneider wahrscheinlich nicht mehr genügend Zeit und einen seiner Lehrlinge ans Werk gelassen. Im ersten Fall – Hemd zu eng – hat man keine Chance mehr auf Besserung. Im zweiten Fall (Kleid zu riesig) kann man noch hoffen, dass eine Korrektur möglich ist – es sei denn, die Zeit reicht eben nicht mehr aus. Daher hat jede Frau, ob schwarz oder weiß, die etwas auf sich hält, IHREN Schneider. Auf den schwört sie, dem vertraut sie, der kennt ihre Wünsche und versteht ihre manchmal so komplizierten Erklärungen.

Aber nicht nur die Damenwelt hat unter den Schneidern zu leiden. Gestern erzählte uns A., wie er einen teuren Stoff zu SEINEM Schneider brachte, um daraus eine Jacke nähen zu lassen. Zu seinem Unglück allerdings kam kurz darauf jemand anders dorthin, der dringend nach Dubai reisen musste und vorher noch etwas zum Anziehen brauchte und da fiel ihm eben dieser Stoff ins Auge. So kam es, dass der Stoff – nun in verarbeiteter Form – außer Landes gebracht wurde und A. kurz darauf ratlos vor SEINEM Schneider stand. Zu dumm, der Stoff war ein besonderes Stück aus dem Togo und konnte nicht nachgekauft werden. Was tun? Nun, es wird verhandelt und schließlich bekam A. einen malischen Zweiteiler statt seiner Jacke und das aus einem ganz anderen Stoff. Man arrangiert sich eben – oder, besser ausgedrückt: das hier ist eben wirklich fair trade!

(Aus dem Mali-Blogg von Karsten Pascher)